Ein Lymphom-Blog

Fear Of The Dark

Dunkelheit.

Dunkelheit hat einen besonderen Reiz. Aber auch einen besonderen Schrecken. Zumindest für mich.

Das ist mir bei einem Besuch in einem Dunkelpark in den Niederlanden bewusst geworden. All die alten Emotionen, die in mir wohnen und durch Dunkelheit getriggert werden, schliefen hinterhältig unter einer dicken Decke des Vergessens. Die Dunkelwanderung, keine Nachtwanderung mit Taschenlampen, sondern eine echte Wanderung ohne Licht, riss diese Decke in mir abrupt weg.

Gefühlt war es nicht nur die Dunkelheit selbst, sondern auch die begleitende Stille. Ein sanftes Blätterrauschen hätte meine Sinne vielleicht in andere Gedankenwelten umgelenkt. Ich hätte diesen Twin-Peaks-Moment mehr Raum lassen können. Aber so blieb nur dieses dichte, schwere Nichts.

Die Angst vor der Dunkelheit schlummert in mir. Sie meldet sich nicht laut, sondern über Umwege. Über Übersprungshandlungen. Da ist das Pfeifen, das ich anstimme, wenn die Zeitschaltuhr das Licht ausschaltet, während ich noch mitten im Kellerflur stehe. Oder diese fast verzweifelte Not, an etwas anderes zu denken, wenn ich nachts ein auffälliges Geräusch höre. Es kann ja nicht das Ding sein, das in der Dunkelheit unterm Bett wohnt.

Die Wanderung erfolgte als Gruppe. Ich war also nicht allein im Wald unterwegs. Und doch stellte sich genau dieses Gefühl ein. Einsamkeit, obwohl andere da waren. Sich gedanklich aus der Gruppendynamik herauszunehmen, verstärkte das noch. Hinzu kam das Andersfühlen infolge der Polyneuropathie. Der Untergrund gab mir keine verlässlichen Rückmeldungen. Ich musste ihm blind vertrauen. Ich konnte ihn schlicht nicht sehen. Und ich konnte ihn nur eingeschränkt fühlen.

Erst in dieser Situation wurde mir bewusst, wie abhängig ich von Licht, von künstlichem Licht, bin. Alle Rezeptoren, die bei Helligkeit für das Sehen zuständig sind, sind in der Dunkelheit außer Dienst. Ein Problem. Zwar machten die Stäbchen, nachdem sie sich an die Dunkelheit gewöhnt hatten, ein Sehen möglich. Aber kein klares. Keine Konturen. Nur eine diffuse Unschärfe. Für jemanden mit einer gepflegten Sehschwäche war das immens irritierend. Spannend, faszinierend. Und erschreckend zugleich.

Gleichzeitig mit diesem diffusen Blick dem Weg zu folgen, die widersprüchlichen Rückmeldungen gestörter Nerven zu verarbeiten, nicht zu stolpern und parallel das leise Kratzen der Dämonenkrallen über imaginäre Schultafeln in Schach zu halten, war anstrengend.

In dieser Dunkelheit war ich nicht allein. Und doch einsam. Um mich herum andere Menschen, Schritte, Atem, vereinzelte Geräusche und Getuschel. Aber all das blieb fern. Die Dunkelheit zog mich nach innen. Dorthin, wo alte Ängste wohnen.

Irgendwann tauchte ein Gedanke auf, der mich seit vielen Jahren begleitet. Kein Song. Keine Melodie. Nur dieses Gefühl: Fear of the dark. Die Erkenntnis, dass Angst nichts mit realer Gefahr zu tun haben muss. Dass sie einfach da ist, wenn das Licht fehlt. Dass sie bleibt, selbst dann, wenn man weiß, dass man nicht allein ist.

Und trotzdem wollte ich der Dunkelheit diese Macht über mich nicht zugestehen. Der Angst, die sie seit früher Kindheit über mich hatte, wollte ich keinen Raum mehr geben.

Nicht hier. Nicht in diesem Wald.
Nicht mehr aus Angst vor der Dunkelheit.

Achtet gut auf euch.
Wir sehen uns.

KI-generiert: Ein dunkler, nebliger Wald in Schwarz-Weiß. Hohe, kahle Baumstämme stehen dicht beieinander, wodurch eine düstere und geheimnisvolle Atmosphäre entsteht. In der Mitte verläuft ein schmaler, kaum sichtbarer Pfad, der im Nebel verschwindet.

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