Ein Lymphom-Blog

Krefelder

„Es gibt solche und solche, und Krefelder.“

Dieser Satz, diese Aussage, diese schlichte, aber wahre Zusammenfassung eines Gemütszustands begleitet mich seit frühen Jugendtagen. Viele Jahre lang war es immer nur eine dahergesagte Phrase. Hier und da einfach mal in Gesprächen eingestreut. Oftmals einfach nur gesagt, um etwas zu sagen. Aber ebenso oft habe ich diese Aussage bemüht, um meinen familiären Hintergrund mit meinen Eltern und der erweiterten Verwandtschaft über drei Generationen hinweg schlüssig zusammenzufassen. Denn nichts bringt es so auf den Punkt. Es ist zu einer Art Mantra geworden.

Warum schreibe ich darüber?

Zwischen den Tagen hatte ich nach langer Zeit wieder einen Berührungspunkt mit den alten Gefilden. Die Zeit zwischen Weihnachten und Neujahr bietet sich förmlich an, um alte Bande wieder zu erneuern. Als Krefelder ist es für mich keine Besonderheit, selbst die engste Verwandtschaft über Jahre hinweg nicht zu sehen oder zu sprechen. Es ist etwas, das schlichtweg passiert. Und der Besuch hat alte Erinnerungen getriggert, die fast nahtlos (ich wollte schamlos schreiben) an meine Erinnerungswelt andocken, die ich in meiner Therapie entdecke.

Zwischen den Tagen 2024 habe ich in Krefeld das Grab meines Vaters besucht. Ein Tod, dessen Nachricht mich damals überraschend erreicht hat. Nach gut 23 Jahren ohne Kommunikation. Ein Teil dieser Seite der Krefelder Verwandtschaft wollte nicht, dass ich über den Tod informiert werde. Mir wurde die Information dennoch zuteil. Es gibt immer ein Schattennetzwerk familiärer Informationen. Auch hier gilt die Aussage über den Krefelder. Zumindest ist das meine Wahrnehmung und sie hilft mir immens, mit der Situation umzugehen.

Der spannende und zugleich erschreckende Teil ist jedoch, rückblickend zu erkennen, wie viel von der Aussage in mir selbst eingebettet wurde. In einem Umfeld aufzuwachsen, das nur rudimentäre soziale Kompetenz und Empathie vermittelt, ist nicht unbedingt förderlich für die eigene Entwicklung. Nun waren die 70er- und 80er-Jahre des letzten Jahrhunderts nicht unbedingt die Jahre, in denen man großartig auf die Entwicklung von Kindern und Heranwachsenden achtete. Weder im familiären noch im schulischen Umfeld. Zumindest ist das meine ganz subjektive Wahrnehmung. Aber ich mag mich auch irren.

Mein persönlicher Findungsprozess begann erst mit dem Wechsel auf mein drittes Gymnasium. Bis dahin war es eine besondere Realitätsblase, in der ich aufwuchs. Rückblickend schätze ich ungemein, die letzten anderthalb Jahre meiner Schullaufbahn auf einem roten Gymnasium außerhalb von Krefeld verbracht zu haben. Dies öffnete den Horizont. Bis heute.

Was mir heute deutlicher erscheint als früher, ist, dass diese Prägungen nicht nur mein Denken und Fühlen beeinflusst haben, sondern sich auch in meinen Körper eingeschrieben haben. Sie manifestieren sich in Spannungen, Rückzug und Wachsamkeit. Gefühle, die keinen Platz fanden, suchten sich eine andere Möglichkeit, Ausdruck zu finden.

Ich behaupte nicht, dass all dies der einzige Grund für meine Krankheit ist. Das wäre zu einfach. Doch ich bin überzeugt, dass der Körper nicht vergisst, was wir über Jahre hinweg gelernt haben zu unterdrücken, auszuhalten oder zu normalisieren, und dass er darauf reagiert. Manchmal subtil, manchmal laut. Gabor Matés Buch When The Body Says No bietet hier die richtigen Erklärungen.

„Es gibt solche und solche, und Krefelder“ beschreibt mich bis heute. Nicht als Ausrede. Sondern als eine wichtige Erklärung dafür, warum ich heute so genau hinhöre, auf das, was ich fühle. Und auf das, was mir mein Körper längst gesagt hat.

Achtet auf euch und bleibt gesund.
Wir sehen uns.

Schwarz‑weiß-Aufnahme der Rheinbrücke in Krefeld‑Uerdingen an einem nebligen Wintertag. Die Hängebrückenkonstruktion mit ihren markanten Stahlträgern und Pylonen spannt sich über den Rhein. Im Vordergrund liegt ein schmaler, leicht verschneiter Uferstreifen mit Gras und Steinen. Der Fluss wirkt ruhig, während Nebel das gegenüberliegende Ufer und Teile der Brücke verhüllt und eine ruhige, fast mystische Atmosphäre erzeugt. KI-generated

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