Ein Lymphom-Blog

Das Dazwischen

Am Freitag war die dritte Kontrolluntersuchung nach Abschluss der Chemotherapie.

Ein Termin, der nüchtern betrachtet unspektakulär ist. Blut abnehmen. Ein ausführliches persönliches Gespräch. Werte anschauen. Nicken. „Alles im Normbereich.“

Und doch war da etwas, das mich überrascht hat. Es war die schlichte Tatsache, dass inzwischen zwei Jahre vergangen sind. Zwei Jahre seit der Diagnose. Zwei Jahre seit diesem gefühlt ad hoc gestarteten Übergang in ein Leben, das plötzlich ein anderes war.

Zeit ist ein merkwürdiges Ding. Sie vergeht, ohne sich bemerkbar zu machen. Und doch steht sie manchmal abrupt im Raum, wie ein Möbelstück, über das man stolpert.

Die erste Kontrolluntersuchung nach der Chemotherapie war von Nervosität geprägt. Sie war weder laut noch panisch, aber dennoch überall gegenwärtig. Mein Körper fühlte sich fremd an, als hätte er seine Sprache verändert. Ich achtete genauer auf alles, obwohl ich es nicht wollte, und suchte nach Zeichen, die ich nicht klar benennen konnte.

Bei der zweiten Kontrolle war es fast schon Routine. Ein vielleicht gefährliches, aber ehrliches Wort. Ich wusste, wie alles läuft, kannte die Abläufe, die Blicke, das Timing. Ich hatte gelernt, meine Nervosität zu kontrollieren oder zumindest zu verbergen.

Und nun die Dritte.
Irgendwo dazwischen.

Mein Körpergefühl sagte mir, dass kein Grund zur Sorge bestünde. Keine diffuse Müdigkeit, keine seltsamen Schmerzen, keine innere Alarmglocke. Und trotzdem war es merkwürdig. Nicht bedrohlich, sondern ruhig. Wie eine Pause zwischen zwei Takten.

Die Blutwerte waren normal. Ein Satz, der für Außenstehende banal klingt. Für mich ist er alles andere als das.

Wenn ich an diese zwei Jahre zurückdenke, fühle ich mich, als würde ich auf einer Reise zwischen verschiedenen Inseln wandern. Manche Inseln sind klar und deutlich, andere scheinen im Nebel zu verschwimmen. Einige sind lebhaft und laut, während andere ruhig und friedlich sind.

Da ist der Moment der Diagnose. Dieses eigenartige Nebeneinander von Funktionieren und innerem Stillstand. Gespräche, die man führt, ohne wirklich anwesend zu sein. Worte wie „Lymphom“, „Therapie“, „Chemotherapie“, die plötzlich Teil des eigenen Wortschatzes werden, obwohl man sie nie haben wollte.

Dann der Beginn der Behandlung. Kein großes Innehalten. Kein langsames Herantasten. Sondern ein Start, der sich alternativlos anfühlte. Als gäbe es keinen Raum für Zweifel, sondern nur für Organisation, Termine, Pläne und Abläufe.

Ich erinnere mich an das erste Mal, als mein Körper sichtbar reagierte. Haare, die ausfielen. Müdigkeit, die nicht mit Schlaf zu lindern war. Dieses neue Verhältnis zum eigenen Spiegelbild. Nicht erschrocken, aber irritiert. Als würde man sich selbst aus leichter Distanz betrachten.

Es gab gute Tage.
Und es gab Tage, die einfach nur vorbei sein mussten.

Was oft unterschätzt wird, ist die Zeit nach der Chemotherapie. Dieses vermeintliche Danach. Als ob damit wirklich alles erledigt wäre. Als ob man einfach nahtlos wieder dort anknüpfen könnte, wo man aufgehört hat.

Aber so funktioniert es nicht.

Der Körper erinnert sich. Und der Kopf erst recht.

Ich musste lernen, dass Belastbarkeit kein Schalter ist. Dass das Vertrauen in den eigenen Körper nicht automatisch zurückkehrt. Dass Erschöpfung nicht immer sichtbar ist und deshalb auch nicht immer ernst genommen wird. Das musste ich schmerzhaft in meinen Therapiestunden lernen.

Zwischendurch gab es Momente, in denen ich dachte: „Jetzt habe ich es hinter mir.“ Und andere, in denen mir klar wurde, dass es nicht um „hinter mir“ geht, sondern um „mit mir“.

Zwei Jahre.
Das klingt nach viel. Und nach wenig zugleich.

In diesen zwei Jahren ist unglaublich viel passiert. Nicht spektakulär im äußeren Sinne, aber grundlegend im Inneren. Und bei allem, was diese Zeit mit sich gebracht hat, ist vor allem eines da: Dankbarkeit.

Dankbarkeit dafür, dass der Krebs geheilt werden konnte. Dass er gefühlt weg ist. Dass keine Krebszellen mehr nachweisbar sind, dass die Blutwerte stimmen und dass mein Körper heute wieder als gesund gilt.

Das ist keine Selbstverständlichkeit. Und ich weiß das.

Gleichzeitig wäre es unehrlich zu sagen, dass damit alles verschwunden ist. Denn auch ohne Krebszellen bleibt etwas zurück. Gedanken. Gefühle. Spuren, die sich tief eingegraben haben. Nicht schmerzhaft im klassischen Sinne, aber immerwährend präsent. Wie ein Echo, das leiser geworden ist, aber nicht verstummt.

Der Krebs ist weg. Die Erfahrung nicht.

Sie sitzt im Körpergefühl. In der Aufmerksamkeit für kleine Veränderungen. In der Art, wie ich Müdigkeit wahrnehme. In Momenten, in denen ich innehalte, wo ich früher einfach weitergegangen wäre.

Vielleicht ist das der Preis. Oder vielleicht ist es einfach die Folge. Ich weiß es nicht.

Ich merke, wie sehr sich mein Verhältnis zu meinem Körper verändert hat. Früher war er selbstverständlich. Heute ist er Gesprächspartner. Manchmal ein schwieriger, manchmal ein verlässlicher, manchmal auch ein illustrer. Ich höre genauer hin. Nicht aus Angst, sondern aus Erfahrung. Nicht misstrauisch, sondern wach.

Diese Kontrolltermine sind dabei wie Wegmarken. Sie strukturieren die Zeit. Sie geben Sicherheit und erinnern gleichzeitig daran, dass nichts endgültig ist. Mit jeder Kontrolle kommt auch die Möglichkeit, dass sich etwas verändert haben könnte. Und trotzdem gehe ich heute anders hinein als noch vor zwei Jahren.

Vielleicht war es deshalb dieses „Dazwischen“, das mich bei der dritten Untersuchung begleitet hat. Keine lähmende Angst und auch keine falsche Souveränität. Sondern ein nüchternes Bewusstsein dafür, dass Gesundheit nichts Statisches ist. Und es auch nie war.

Ich mache mir keine Illusionen. Ich weiß, dass der nächste Kontrolltermin kommt. Im Sommer. Dass diese Termine bleiben werden. Vielleicht lange. Vielleicht immer in irgendeiner Form.

Aber im Moment überwiegt etwas anderes. Es ist eine leise, ehrliche Zuversicht. Kein Triumph. Kein „alles überstanden“. Sondern das Wissen, dass mein Körper im Hier und Jetzt stabil ist. Dass die Werte stimmen. Dass ich ihm vertrauen darf, zumindest fürs Erste.

Und vielleicht ist genau das genug. Nicht die große Gewissheit. Nicht das endgültige Kapitel.

Sondern Dankbarkeit für das Jetzt. Für diese Zeit. Für das Leben zwischen den Terminen. Mit all seinen Nachklängen, seinen leisen Schatten und seiner Klarheit.

Der Blick geht nach vorne. Bis zum nächsten Termin.
Mit offenen Augen. Mit Respekt vor dem, was war.
Und mit einem vorsichtigen, aber echten Vertrauen in das, was kommt.

Für jetzt reicht das. Und das fühlt sich gut an.

Achtet auf euch. Bleibt gesund.
Wir sehen uns.

Schwarz‑weiß‑Fotografie eines verschneiten Parkwegs, der geradeaus zwischen kahlen Winterbäumen verläuft. Links stehen leere Parkbänke, rechts parken einige Autos, und im Hintergrund ist eine historische Gebäudezeile angedeutet. Die Szene wirkt ruhig, winterlich und leicht melancholisch.

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