Ein Lymphom-Blog

Nebel

Es gibt diesen Moment, kurz bevor ein Zug einfährt.
Die Luft verändert sich.
Ein Zittern im Boden.
Ein Versprechen von Bewegung.

Ich stehe auf einem Bahnsteig.
Allein.

Der Bahnsteig selbst liegt nicht im Nebel. Er ist klar. Beton unter meinen Füßen. Eine Bank. Ein Schild mit einer Uhr, die weiterläuft, als wüsste sie mehr als ich. Über mir ein Himmel, der entschieden hat, heute sichtbar zu sein.

Und trotzdem: Rechts endet der Bahnsteig im dichten Nebel.

Links dagegen – Weite. Eine klare Linie bis zum Horizont. Helligkeit. Konturen. Die Ahnung von Wärme.

Ich stehe in der Mitte.

Etwas, das lange getragen hat, trägt nicht mehr.
Nicht aus Bosheit.
Nicht aus Versagen.

Manche Wege verlieren einfach ihre gemeinsame Richtung.

Und irgendwann steht man da –
nicht gegeneinander,
sondern nebeneinander am Ende eines Abschnitts.

Und trotzdem stehe ich noch auf diesem Bahnsteig.

Vielleicht, weil Loslassen kein Türknall ist, sondern ein Prozess. Vielleicht, weil ein Teil von mir noch begreifen muss, dass ich nicht mehr auf denselben Zug warte. Dass manche Fahrpläne ihre Gültigkeit verlieren, auch wenn man sie lange auswendig konnte.

Rechts liegt der Nebel. Dort, wo das Vertraute verschwimmt. Wo Erinnerungen ihre scharfen Ränder verlieren. Manchmal glaube ich noch, Geräusche zu hören. Ein Rattern. Ein Echo von Gesprächen. Ein „Was wäre wenn“.

Dann halte ich inne.

Nicht, weil ich zurückwill.
Sondern weil Abschiede nachhallen.

Der Nebel ist nicht böse. Er ist dicht. Er verschluckt Gewissheiten. Und manchmal erzeugt er Geräusche, die größer klingen, als sie sind. Angst klingt im Nebel dramatischer. Zweifel auch.

Ich habe gelernt, nicht zu lange hineinzustarren. Nicht jede Regung zu analysieren. Nicht jede Emotion festzuhalten, bis sie entweder gerechtfertigt oder verworfen ist.

Stattdessen drehe ich mich nach links.

Dort ist Helligkeit.

Keine fertigen Antworten. Kein lautes Versprechen. Aber ein Gefühl von Bewegung. Von Weite. Von Atem.

Das irritiert mich manchmal fast mehr als der Nebel.

Darf es hell sein, während hinter mir noch Dunst hängt?
Darf sich etwas weit anfühlen, obwohl etwas gerade enger wird?

Ich glaube ja.

Der Bahnsteig ist kein Ort des Wartens mehr im klassischen Sinn. Er ist ein Ort des Übergangs. Ein Ort, an dem ich lerne, zwei Wahrheiten gleichzeitig auszuhalten:
Dass etwas vorbei ist.
Und dass das Leben nicht stehen bleibt.

Loslassen heißt nicht, dass alles sofort verschwindet. Es heißt, dass ich anerkenne, dass ich nicht mehr einsteigen werde. Dass ich meinen Platz nicht länger dort suche, wo ich nicht mehr stehe.

Und doch gibt es Momente, in denen ich glaube, wieder ein Geräusch aus dem Nebel zu hören. Ein inneres Ziehen. Eine Frage. War es richtig? Hätte man anders abbiegen können?

In diesen Momenten atme ich.

Ich erinnere mich daran, dass Entscheidungen nicht immer eindeutig richtig oder falsch sind. Manchmal sind sie einfach notwendig. Manchmal verändern sich Wege, ohne dass jemand verlieren muss.

Der Blick nach links hilft.

Dort ist nicht nur Zukunft. Dort ist Gegenwart. Ein leises Gefühl von Stimmigkeit. Kein Triumph. Kein Ersatz. Nur ein vorsichtiges Aufgehen von Raum.

Das bedeutet nicht, dass ich über allem stehe. Ich bin verletzlich. Ich bin ambivalent. Ich trauere und gehe zugleich weiter. Ich lasse los – Schritt für Schritt.

Der Bahnsteig wird irgendwann leer sein. Vielleicht stehe ich bald nicht mehr hier, sondern gehe die Treppe hinunter. Vielleicht begreife ich rückblickend, dass der Nebel weniger Bedrohung war als notwendiger Schleier zwischen zwei Kapiteln.

Im Moment genügt es, dass ich stehen kann, ohne zurückzulaufen.
Dass ich schauen kann, ohne zu erstarren.
Dass ich fühlen darf, ohne zu urteilen.

Der Nebel wird sich lichten.
Nicht, weil ich ihn bekämpfe.
Sondern weil ich weitergehe.

Und vielleicht ist das der eigentliche Übergang:
Nicht auf einen Zug zu warten –
sondern zu erkennen, dass ich längst unterwegs bin.

Anmerkung: In meiner Gedankenwelt stand „Der Nebel“ von Stephen King unterschwellig Pate – weniger als Vorlage, mehr als atmosphärischer Resonanzraum.

Schwarz‑weiß‑Foto zweier parallel verlaufender Eisenbahnschienen, die sich in der Ferne perspektivisch verjüngen. Links und rechts der Gleise stehen japanische Wohnhäuser, Zäune, Strommasten und niedrige Industriegebäude. Über den Gleisen verlaufen Oberleitungen, und am Horizont verschwimmen die Strukturen in der Ferne.

Hinterlasse einen Kommentar