Das war sie nun.
Die erste Woche nach der Diagnose und die erste Behandlung. Vor der ersten Behandlung gab es noch zwei Dinge zu klären. Die Blutwerte legen den Verdacht nahe, dass das Rückenmark vom Lymphom in Mitleidenschaft gezogen ist. Es ist nur unklar, wie weit. Dies lässt sich nur durch eine Punktierung des Rückenmarks herausfinden. Die Punktierung hat mein behandelnder Arzt selbst ambulant durchgeführt. Ohne zu sehr in die Details zu gehen, möchte ich es so zusammenfassen: Schmerzen beim Zahnarzt sind schlimmer (aber auch anders), und ich brauche es nicht unbedingt nochmal. Die zweite vorbereitende Untersuchung ist eine detaillierte Ultraschalluntersuchung des Herzens beim Kardiologen. Es geht um die Bestandsaufnahme, ob das Herz keine Schädigungen aufweist, die einer Chemotherapie entgegenstehen. Die Medikamente der Chemotherapie können Bestandteile enthalten, die nicht unbedingt gut für das Herz sind. Es ist so etwas wie ein „Baugutachten“, mit dem man den Funktionsstand des Herzens vor der Therapie bestimmt. So kann man nach Abschluss der Therapie mit Sicherheit sagen, ob es Veränderungen am Herzen gibt oder eben auch nicht.
Zum Start gab es auf zwei Tage verteilte Infusionen. Im Vorgespräch hatte mein Arzt mir das Setzen eines Port-Katheters empfohlen, also so etwas wie einen, im Brustbereich, unter die Haut platzierten „Anschlussstutzen“, der direkt mit dem Venensystem verbunden ist. Er hatte ein Beispiel locker aus der Schublage geholt, das nach dem Motto: „Eins habe ich da noch.“
An zwei aufeinanderfolgenden Tagen Infusionen über einen Zugang in der Armbeuge zu bekommen, am ersten Tag drei Stunden und am darauffolgenden Tag über zwei Stunden ist schon auch anstrengend. Und das nicht nur den Arm. Eines der Medikamente greift das Gewebe an. So lag es nun an mir, mich selbst vom sog. Port zu überzeugen. Die Anmerkung eines Bekannten, der selbst einmal in der gleichen Situation war, hat für mich die abschließende Klarheit gebracht. Zum einen ist der Zugang nicht für einen selbst bequemer, da nicht jedes Mal das große Abenteuer der Venenfindung ansteht, sondern auch für die Personen, die einen behandeln. Es macht es für beide Seiten einfacher. Ein weiterer wichtiger Punkt ist, dass so die Armvene adäquat intakt bleibt, sollte man sie spontan für einen dringlichere Einsatz brauchen.
Das Setzen des Ports ist nun vor der nächsten Therapierunde geplant. Der Zufall will es, dass der Port in der gleichen Chirurgie Praxis erfolgt, in der auch der Lymphknoten entfernt wurde. Darüber bin ich sehr froh, dann dort fühlte ich mich vollends gut behandelt und aufgehoben. Das nimmt mir den mentalen Druck und hilft bei der Vorstellung zum Cyborg zu mutieren.
Begleitet wird die Therapie mit einer gepflegten Auswahl an Tabletten für und gegen Dinge. Zum einen sind da die Antibiotika-Tabletten, die direkt in einer Großpackung daherkommen und, so meine Vermutung, mal Zäpfchen werden wollten. Dann gibt es Tabletten gegen Blasenentzündungen und noch so einiges mehr, das in einem festen Plan regelmäßig oder einige Tage nach der Therapie eingenommen sein soll. Ich verstehe jetzt den Sinn der Medikamenten Funktion in der Health-App meines iPhones. Zusätzlich gab es Tabletten gegen auftretende Übelkeit, die bei Bedarf einzunehmen sind. Auf Reisen begleiten mich nun also ein ganzes Tablettenarsenal.
Wenn man über den Beginn einer Chemotherapie liest oder davon hört, was in meinem Fall eher zutreffend ist, malt man sich schlimmste Szenarien aus. Man wird natürlich auch über die möglichen Nebeneffekte ausführlich aufgeklärt. Nun ist es nicht meine Art, mir alle Nebenwirkungen in tiefbunten Farben auszumalen. Für mich selbst ist es ausreichend, wenn ich die Skizzen im Kopf habe, also weiß, was passieren könnte. Und fertig. Sollte etwas eintreten, kippe ich Farbe hinein und gehe damit entsprechend um. Genau in der Situation. Diese Sichtweise, ist für nahestehende Menschen, nicht unbedingt leicht zu greifen. Sie machen sich Sorgen, nicht nur was die Chemotherapie selbst und die unmittelbaren Auswirkungen auf den Körper angeht, sondern auch im Hinblick auf negative Nebenwirkungen. In dem Gedanken stelle ich mir die Frage, ob es auch positive Nebenwirkungen gibt. Mal sehen.
Man sollte annehmen, dass man sich nach dem Auftakt einer Chemotherapie schonen sollte. Das wurde mir von mehreren Seiten so gespiegelt. Aber das war nicht das, was für mich möglich war. Es standen in dieser Woche bereits berufliche und private Termine an, die andere sicherlich abgesagt und umorganisiert hätten. Mein Kopf hatte für diese Woche anders entschieden. Ich habe meine Therapietermine in dieser Woche so in meinen Kalender eingetaktet, dass ich als Gastgeber und Sprecher eine eintägige Konferenz zu meinem Lieblingsthema abliefern konnte. Die Woche wurde von einem Besuch eines Live-Konzertes abgeschlossen, dessen Termin schon seit Langem im Kalender steht. Ich kann nicht aufhören, das Leben mit dem großen Löffel zu nehmen. Es für meinen Kopf so immer wichtig, dies aufrecht zu halten.
Jede Chemotherapie ist anders. Sie ist immer individuell zusammengestellt und trifft auf einen einmaligen Körper und ein einmaliges Gemüt. Ich habe schlichtweg Glück, dass ich es im Moment so gut vertrage und mein Körper so gut damit umgeht. Wie es weitergeht, werden die nächsten Wochen zeigen. Die Therapie läuft in einem dreiwöchigen Intervall.
Bis dahin.




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