Mit dem Titel dieses Beitrages habe ich ein wenig mit mir gerungen. Aber zum Schluss trifft „Wechselbad der Gefühle“ es recht gut.
Im Jahr 2024 habe ich, so glaube ich, mehr über mich selbst erfahren als in all den Jahrzehnten zuvor. Und es waren nicht immer nur gute Dinge. Das Wort Erkenntnis ist zu hochtrabend, denke ich. Auf „Augenöffner“ kann ich mich mit mir selbst einigen, „Gefühlsöffner“ als Ergänzung hilft.
Und damit sind wir schon mittendrin.
In mir schwelt dieses Bedürfnis nach Perfektion. Das Bedürfnis, etwas immer zu 105% umzusetzen ist sowohl Antrieb als auch emotionales Gefängnis zugleich. Ich erkunde die Welt des Imposter-Syndroms und die auf mich zutreffenden Punkte immer weiter. Während ich die einzelnen Teile erkenne, was zu gleichen Teilen erhellend, aber auch beängstigend ist, stelle ich mir immer wieder die Frage nach dem „Warum“. Warum sind die Dinge, wie sie sind? Warum empfinde ich so, wie ich empfinde? Warum handle ich so, wie ich handle? All dies Grübeln macht es nicht gerade leichter, mit mir selbst klarzukommen. Ich hatte ja bereits erwähnt, dass es für mich ein Leichtes ist, mich mit Arbeit abzulenken, denn dann muss ich nicht über mich selbst nachdenken, geschweige denn fühlen.
Des Grübelns trotzdem nicht müde, insbesondere nachts, wenn der Kopf keine Ruhe und ich selbst keinen Schlaf finde, spielen die Gedankenmurmeln in meinem Kopf Flipper. Und aus mir unerfindlichen Gründen hält mein Kopf zu gerne mehr als nur eine Murmel im Spiel.
Seht mir nach, wenn die Gedanken ein wenig wirr erscheinen. Sie müssen einfach nur raus aus meinem Kopf. Ja, es ist auch die Hoffnung, dass damit ein paar Murmeln weniger auf dem zerebralen Spielfeld herumtanzen.
Ich verorte mein mentales und meine Gefühlsdilemma in meine früheste Schulzeit. Die zu dieser Zeit einhergehende familiäre Situation tat ihr Übriges. Und gerade diese Erlegbisse, im Alter von sieben bis sechzehn Jahren hatte ich seit dieser Zeit in einem mehrfach gesicherten Panzerschrank weggeschlossen. Es scheint, als öffnete sich diese Tür nur langsam. Als Kind wurde man mit dem Satz, „nun beginnt der Ernst des Lebens“, in die Schule geschickt. In einem Schulsystem alter preußischer Tradition ging es immer nur um das „für später Lernen“. Man musste Leistung zeigen und gute Noten liefern. Und wenn du nach dreizehneinhalb Jahren klassischem Schulbetrieb in NRW in die Arbeitswelt eintratst, ging es einfach nur weiter. Wie man sich damals gefühlt hat und ob einem etwas gefehlt hat, hat niemand gefragt, weder im familiären Umfeld, und schon gar nicht in der Schul- oder Arbeitswelt. Man hatte zu funktionieren, man musste ein gutes produktives Mitglied der Gesellschaft sein und bleiben. Und das gilt bis heute.
Funktionieren ist nun genau das richtige Stichwort. Funktionieren kann ich ganz gut. Und hier komme ich, nach dem Imposter Syndrom, zu etwas, was ich nicht wahrhaben wollte. Vor wenigen Wochen sagte mir jemand, dass ich zahlreiche Symptome einer funktionalen Depression zeige. Das hat mich erst einmal sprachlos gemacht. Natürlich habe ich es umgehend (innerlich) abgestritten. So muss wohl ein Alkoholiker empfinden, dem man sagt, er sei Alkoholiker. Aber wie heißt es so schön? Erkenntnis ist der erste Schritt zur Besserung.
Um nun in diese Richtung erkennen und fühlen zu können, muss mein innerer Perfektionist erstmal mal das Thema der funktionalen Depression greifen und verstehen. Was lag also näher, als sich hierzu mit Literatur zu versorgen. Und das ist gar nicht so einfach. Suche mal bei einem (Online-)Buchhändler deiner Wahl nach funktionaler Depression. Da Depression per se schon eine vielfältige Ausprägung hat, findet man viel zur klassischen Depression, aber fast nichts zu dem, wonach ich gesucht habe. Mit ein wenig Hilfe habe ich „When the Body Says No – The Cost of Hidden Stress“ von Gabor Maté gefunden. Dieses Buch ist ein weiterer Augenöffner für mich und hilft mir, die Abhängigkeiten zwischen Körper und Geist besser zu verstehen und warum mein Körper so reagiert, wie er reagiert. Der Satz mag ist ein wenig esoterisch lesen, aber das ist in keiner Weise der Fall.
Aus ganz persönlichen Gründen kann ich hier nun auch nicht wirklich all meine Gedanken und Gefühle niederschreiben. Es bleibt Einiges meinen Kopf- und Herzensmenschen vorbehalten und meinem Therapeuten.
Aber warum schreibe ich das Alles?
Zum einen tut es mir schlicht weg gut, all das niederzuschreiben und aus dem Kopf zu haben (s.o.). Wichtiger erscheint mir aber, diese Themen, die ich ganz nah spüre und wahrnehme, aus einer Tabuzone zu holen. Man spricht nicht darüber. Und schon gar nicht öffentlich. Aber genau da liegt der Kern des Problems. Wenn man die eigenen Empfindungen und Gedanken nicht sortiert bekommt, sie einen womöglich im Handeln beeinflussen, kann man es mit der Angst zu tun bekommen. Und Angst ist kein gutes Gefühl. Man braucht Raum, um Menschen zu begegnen, die einem zuhören, die einen nicht bewerten, sondern einfach bei einem und mit einem sind. Und das ist etwas, was ich im Jahr 2024 erfahren durfte. Und dafür bin ich mehr als nur glücklich.
Ich kann nicht abschätzen, wo die Reise im Jahr 2025 hingeht, wohin mich meine Gedankenmurmeln und meine Gefühle hinführen werden. Vielleicht bringt eine kleine Auszeit im Januar mehr Klarheit. Wir werden sehen.
Bleibt gesund und achtet gut auf euch.
Wir sehen uns.




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