Seit dieser Woche begleitet mich ein neues Stück Technik: eine Orthese am rechten Fuß. Sie soll helfen, den Fuß zu heben. Eine Bewegung, die früher selbstverständlich war, jetzt aber Unterstützung braucht. Das elektrische Stimulationsgerät, das eigentlich die Muskeln wieder aktivieren sollte, hat leider nicht funktioniert. Keine Reaktion. Also bleibt nur die Mechanik. Ein Stück Metall, Kohlefaser und Gurte. Ein technisches Hilfsmittel für etwas, das der Körper nicht mehr leisten kann. Und obwohl dieses Hilfsmittel mir ermöglicht, mich sicherer zu bewegen, fühlt es sich noch fremd an. Es ist, als hätte jemand eine zusätzliche Schicht zwischen mich und den Boden gelegt.
Das Gehen verändert sich. Jede Treppenstufe wird zu einer kleinen Aufgabe, die Aufmerksamkeit erfordert. Vor allem das Herabgehen ist nicht mehr selbstverständlich. Es braucht neue Bewegungen, neue Wege, um das Gleichgewicht zu halten. Und auch im Kopf muss sich etwas neu ordnen. Denn die größte Herausforderung ist nicht nur das Gehen selbst, sondern auch die Akzeptanz. Das Exoskelett als Teil von mir zu sehen. Es zu akzeptieren als Unterstützung, nicht als Einschränkung.
Heute war ich mit der Orthese in der Stadt unterwegs. In Berlin. Und plötzlich hatte ich das Gefühl, auf der anderen Seite zu stehen, nicht mehr mitten im Strom, sondern leicht versetzt. Ich habe die Bewegung der Menschen anders wahrgenommen: das Tempo, die Eile, dieses unbewusste Drängen, das den öffentlichen Raum bestimmt. Vielleicht war es schon immer so, aber jetzt, wo mein eigenes Gehen langsamer, bedachter geworden ist, fällt es mir auf. Ich sehe, wie wenig Platz bleibt für alles, was nicht perfekt funktioniert.
Mir sind heute viele Dinge aufgefallen, die mir früher nie bewusst waren. Treppen ohne Geländer. Glatte, rutschige Stufen. Grünphasen, die enden, bevor man überhaupt die Mitte der Straße erreicht. Nach der Chemo hatte ich mich schon über kaputte Rolltreppen geärgert, aber das war nur oberflächlich. Heute geht es tiefer. Es geht um Strukturen, die nicht mitdenken. Um Räume, die nicht für alle gemacht sind.
Was mich aber am meisten beschäftigt hat, war das Verhalten der Menschen. Diese Gleichgültigkeit im Vorübergehen. Niemand schaut wirklich hin. Kopfhörer im Ohr, Blick aufs Handy, Gedanken woanders. Ich glaube nicht, dass es immer Rücksichtslosigkeit ist. Eher eine Art Entkopplung. Ein Zustand, in dem man so sehr mit sich selbst beschäftigt ist, dass das Außen kaum noch existiert.
Und ich frage mich: Wann haben wir aufgehört, uns gegenseitig wahrzunehmen?
Nicht nur im Privaten, wo Mitgefühl oft noch selbstverständlich ist. Sondern dort, wo wir uns eigentlich am häufigsten begegnen: Draußen, im öffentlichen Raum. Vielleicht haben wir verlernt, dass Achtsamkeit nicht nur bedeutet, sich selbst etwas Gutes zu tun, sondern auch anderen.
Die Orthese zwingt mich zur Langsamkeit. Sie verändert meinen Rhythmus, meinen Blick, meine Haltung. Und während ich Schritt für Schritt versuche, mich an sie zu gewöhnen, merke ich, dass sie mir etwas zeigt, das ich längst vergessen hatte: wie schnell wir geworden sind und wie wenig Raum wir einander lassen.
Bleibt gesund. Achtet auf euch.
Wir sehen uns.




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